Die Besprechung war für zehn Uhr morgens angesetzt. Anna kam eine Stunde früher ins Büro, um die Dokumente noch einmal durchzugehen. Der Tod ihres Vaters war immer schwer – und noch schwerer war es, wenn man vorübergehend die Position der geschäftsführenden Direktorin eines Bauunternehmens übernahm, das er von Grund auf aufgebaut hatte.
In den drei Wochen seit der Beerdigung hatte sie kaum geschlafen. Jede Nacht wachte sie mit dem Gedanken auf, dass sie es nicht schaffte, dass sie nicht bereit war, dass alle um sie herum es sahen – eine Hochstaplerin im Büro ihres Vaters.
Im Empfangsbereich saßen bereits die regionalen Geschäftspartner. Zwei Männer in teuren Anzügen, aber mit schweren, vom Leben gezeichneten Gesichtern, und ein junger, nervöser Jurist bei ihnen. Sie warteten auf die Unterzeichnung der Verlängerung der Mietverträge für die Technik.
Anna wusste: Ihr Vater hatte seit etwa zehn Jahren mit ihnen gearbeitet, ihnen aber nie vollständig vertraut. „Du musst sie nicht küssen, Anja“, hatte er gesagt. „Mach einfach dein Geschäft, aber häng dein Herz nicht dran. Diese Typen würden für einen Rubel sogar in eine Jauchegrube steigen.“
Sie richtete den Kragen ihrer strengen schwarzen Bluse, atmete tief durch und ging in den Besprechungsraum. Glaswände, ein langer Tisch aus geräucherter Eiche, Panoramafenster mit Blick auf die Uferpromenade. Dieser Ausblick gab ihr immer Kraft. Die Stadt erwachte, der erste Schnee fiel.
Anna nahm am Kopfende des Tisches Platz.
„Guten Morgen, Nikolai Iwanowitsch“, nickte sie dem wichtigsten der Partner zu. „Haben Sie den Entwurf geprüft?“
Nikolai Iwanowitsch brummte nur, warf einen Seitenblick auf den Juristen. Dieser öffnete den Mund, kam aber nicht mehr dazu, etwas zu sagen.
Die Tür wurde so heftig aufgerissen, dass der Schlag des Türgriffs gegen die Wand wie ein Schuss klang.
„Ich werde dich, du Flittchen, jetzt lehren, wie man fremde Ehemänner ausspannt!“, schrillte eine Stimme, die fast in Ultraschall überging, noch bevor ihre Besitzerin den Raum betrat. „Dachtest du, ich finde es nicht heraus? Dachtest du, du kannst dich hier im Büro breitmachen und dir alles erlauben?“
Im Empfang erschien die Gestalt der Sekretärin Sweta, die versuchte, die Frau am Arm festzuhalten, aber diese war stärker und aggressiver. Die Frau war teuer, aber geschmacklos gekleidet: Leopardenmuster am Mantel, zu greller Lippenstift, Stöckelschuhe, die auf dem Parkett unangenehm klackten.
Anna erstarrte.
Es war Nina Pawlowna, ihre Schwiegermutter.
Doch diese sah sie nicht. Oder besser gesagt – erkannte sie nicht. Anna saß am Tischende, und das Licht vom Fenster ließ ihr Gesicht im Schatten.
Und Nina Pawlowna stürzte sich bereits auf die einzige junge Frau, die sie sehen konnte – die Sekretärin Sweta.
„Auf wen hast du es abgesehen, du Schlampe?“, zischte sie und riss sich den Mantel zurecht, als würde sie gleich kämpfen. „Auf meinen Sohn? Auf Dimotschka? Der stellt Leute wie dich für ein paar Groschen ein, und du träumst schon von der Ehe? Ich werde ihm schon den Verstand richten! Das ist hier alles mein Sohn, der ist der Direktor!“
Sweta wurde blass und drückte sich an die Wand.
„Ich… ich weiß nicht, wovon Sie sprechen… Ich bin nur die Sekretärin…“
„Ach, nur die Sekretärin?“, fauchte Nina Pawlowna und hob ihre Handtasche. „Sekretärinnen sitzen im Empfang! Was machst du dann hier im Büro? Bringst du ihm Berichte? Oder nachts gleich dazu?“
Nikolai Iwanowitsch verschluckte sich am Kaffee und rückte ans Fenster. Der Jurist starrte demonstrativ auf sein Handy.
Anna stand langsam auf.
„Nina Pawlowna.“
Ihre Stimme war leise, aber in der plötzlichen Stille hörten sie alle.
Die Schwiegermutter drehte sich um. Einen Moment lang musterte sie das Gesicht ihrer Schwiegertochter. Zuerst Überraschung, dann Ärger – und schließlich, schlimmer als alles andere, eine noch stärkere Wut.
„Ach, du bist es“, verzog Nina Pawlowna das Gesicht. „Ich sehe nur irgendeine Gans, die sich in Papas Stuhl breitgemacht hat. Betrügst du meinen Sohn etwa? Reicht es nicht, dass du ihn zu Hause kaum siehst, jetzt läufst du auch noch hier im Büro rum und glotzt fremde Männer an?“
„Das sind Geschäftspartner“, antwortete Anna kalt. „Wir haben eine Besprechung. Sie sollten gehen.“
„Ich soll gehen?“, Nina Pawlowna trat an den Tisch und tippte dagegen. „Das ist der Tisch meines Sohnes! Er arbeitet sich hier kaputt für eure Familie, und du, du Aufsteigerin, willst hier Befehle geben? Wer bist du überhaupt? Aus irgendeinem Wohnheim gekrochen, hast dich an Dimka rangeschmissen und dachtest, du steigst billig auf? Aber ich habe dich durchschaut!“
„Was genau haben Sie durchschaut?“, fragte Anna ruhig und trat ins Licht. In ihr war kein Zittern – nur eine kalte, brennende Leere.
„Wissen Sie, wer gerade diese Verträge verhandelt? Wissen Sie, wie viele Menschen ohne Gehalt bleiben, wenn diese Verträge heute nicht unterschrieben werden? Wissen Sie, dass Ihr Sohn keinerlei Rolle in dieser Firma spielt?“
„Du lügst!“, schrie Nina Pawlowna. „Dimka war hier die rechte Hand! Ohne ihn wäre dein Vater untergegangen! Und jetzt, wo er tot ist, willst du alles an dich reißen! Ihn ausbooten! Aber das wirst du bereuen!“
Es wurde völlig still. Sweta schluchzte in der Ecke. Die Partner saßen wie versteinert.
Anna sah langsam in die Runde.
„Darf ich vorstellen“, sagte sie ruhig zu Nikolai Iwanowitsch. „Das ist die Mutter meines Mannes. Nina Pawlowna. Sie hat offenbar das Büro mit einem Zoo verwechselt. Entschuldigen Sie bitte dieses… Theater.“
Sie drückte den Knopf der Gegensprechanlage.
„Sicherheit, bitte in den Besprechungsraum. Führen Sie die Besucherin hinaus.“
Nina Pawlowna öffnete den Mund, aber sie kam nicht mehr dazu, etwas zu sagen. Zwei kräftige Sicherheitsleute standen bereits im Türrahmen. Höflich, aber bestimmt nahmen sie sie unter den Arm.
„Lasst mich los!“, schrie sie. „Ich werde euch feuern lassen! Wisst ihr nicht, wer ich bin? Ich bin die Mutter eures Direktors!“
Doch sie wurde bereits zum Aufzug gebracht.
An der Tür drehte sie sich noch einmal um und schrie so laut, dass man es vermutlich im ganzen Gebäude hörte:
„Du denkst, du bist hier die Chefin? Das Geld meines Sohnes hat dir das alles ermöglicht! Er wird dich rauswerfen, du Hochstaplerin! Merk dir meine Worte!“
Die Aufzugtüren schlossen sich.
Die Stille fiel zurück wie eine Betonplatte.
„Entschuldigen Sie, Nikolai Iwanowitsch. Lassen Sie uns fortfahren.“
„Anja…“, begann er, doch sie hatte bereits die Akte geöffnet.
„Punkt sieben. Verlängerung zu den bisherigen Bedingungen. Ihr Preis ist akzeptabel, wenn Sie den pünktlichen Abtransport der Technik garantieren. Im letzten Jahr gab es Verzögerungen.“
Der Jurist begann hektisch zu blättern.
Die Besprechung lief weiter, als wäre nichts geschehen.
Nur Annas Finger, die den Stift hielten, waren so fest umklammert, dass sie weiß bis bläulich wurden.
Vierzig Minuten später schlossen sich die Türen hinter den Partnern. Anna blieb allein im Büro zurück. Sie trat ans Fenster und legte die Stirn gegen das kalte Glas. Der Schnee fiel weiter, große Flocken senkten sich auf die Uferpromenade, auf die Autos, auf die Menschen, die ihrem gewöhnlichen Leben nachgingen und keine Ahnung hatten, was hier gerade passiert war.
Vor ihrem inneren Auge erschien das Gesicht ihres Vaters. Er saß in diesem Stuhl, zog an seiner Pfeife (die Ärzte hatten es ihm verboten, aber er rauchte heimlich am geöffneten Fenster und dachte, niemand merke es) und sagte: „Dimka ist kein schlechter Mann, Anja. Schwach, aber kein schlechter. Das Problem ist nicht er. Das Problem ist seine Mutter. Sie hängt an ihm wie eine Zecke. Für sie ist er kein Sohn, sondern ein Ticket ins gute Leben. Pass auf sie auf, Tochter. Sie wird dich verschlingen und nicht einmal kauen müssen.“
Damals hatte Anna das abgewunken. Sie dachte, ihr Vater übertreibe. Sie dachte, Liebe würde alles glätten. Dimka hatte versprochen, seine Mutter in die Schranken zu weisen. Er hatte geschworen, dass sie ihr eigenes Leben führen würden. Und am Ende… stand Nina Pawlowna in ihrem Büro und beschimpfte sie vor Geschäftspartnern als Flittchen.
Sie erinnerte sich, wie alles begann. Sie hatten sich auf einer Ausstellung kennengelernt. Dmitri war charmant, gepflegt, sagte die richtigen Dinge. Er umwarb sie auf schöne Weise. Seine Mutter stellte er als „schwierigen Fall“ vor, und Anna hatte darin sogar etwas Rührendes gesehen – ein erwachsener Mann, der sich um seine Mutter kümmert. Dumm. Wie naiv sie gewesen war.
Die Hochzeit fand in einem guten Restaurant statt, bezahlt von ihrem Vater. Nina Pawlowna war damals noch vorsichtig, fast tastend. Auf der Feier war sie übertrieben süß, lobte Anna ständig, nannte sie „Töchterchen“, aber ihre Augen waren kalt, berechnend. Sie maß alles ab – die Gäste, das Menü, den Wert des Rings. Und offenbar entschied sie, dass die Beute groß genug war.
Am Anfang lebten Anna und Dima in einer Mietwohnung. Doch Nina Pawlowna kam jeden Tag. Mal brachte sie Borschtsch, mal bügelte sie Wäsche, mal „kam sie nur zum Reden“. Sie ordnete die Schränke um, kritisierte Annas Kissen („Was, du schläfst auf Polyester? Da muss Daunen rein!“), kontrollierte den Kühlschrank. Dmitri winkte bei den Beschwerden seiner Frau nur ab: „Mama will doch nur helfen. Nimm es ihr nicht übel.“
Dann schenkte ihr Vater ihnen eine Wohnung. Eine gute Dreizimmerwohnung in einem Neubau. Als Nina Pawlowna davon erfuhr, hielt sie sich zunächst zurück. Einen Monat später stand sie mit Koffern vor der Tür: „Ihr habt hier drei Zimmer, und ich vegetiere allein in einer alten Wohnung. Dimotschka, du lässt deine Mutter doch nicht im Stich?“ Und Dimotschka ließ sie nicht im Stich.
Und dann begann die Hölle. Ein gemeinsamer Haushalt, in dem die Schwiegermutter sich als Herrin aufspielte. Nina Pawlowna mischte sich überall ein: Kochen, Kleidung, Erziehung (auch wenn es noch keine Kinder gab, kamen die Ratschläge trotzdem), selbst in Gespräche mit dem Ehemann. „Warum schreist du ihn an? Er ist müde!“, „Warum hast du ihm nichts zu essen gemacht? Er kommt von der Arbeit!“, „Warum bist du so spät? Arbeit ist kein Wolf, die Familie ist wichtiger!“
Anna hielt es aus. Für Dima. Um keinen Streit zu provozieren. Sie stürzte sich in ihre Arbeit. Ihr Vater begann gerade, ihr die Firma zu übergeben, zeigte ihr alles, brachte ihr alles bei. Sie sog es auf. Und je mehr sie in die Geschäftsführung hineinwuchs, desto wütender wurde Nina Pawlowna. Sie sah, wie die Schwiegertochter ihrer Kontrolle entglitt.
„Willst du etwa ein Mann werden?“, zischte sie. „Eine Frau gehört nach Hause, sie soll Kinder bekommen. Und du läufst ständig im Büro herum. Dima bleibt ohne Aufsicht. Der wird dir noch ein Kind mit einer anderen Frau machen, dann wirst du schon sehen.“
„Dima ist ein erwachsener Mann“, antwortete Anna. „Er trägt selbst Verantwortung.“
„Mein Sohn wird immer unter meinem Flügel bleiben!“, schnitt die Schwiegermutter ab.
Anna seufzte und löste sich vom Fenster. Die Erinnerungen brannten. Ihr Telefon vibrierte auf dem Tisch. Sie sah auf das Display. Dmitri.
Ihr Herz schlug kurz heftig und blieb dann fast stehen. Sie nahm ab.
„Ja?“
„Anja“, seine Stimme war kalt, offiziell, fremd. „Was hast du mit meiner Mutter gemacht?“
Anna stockte der Atem. Einen Moment lang fand sie keine Worte.
„Ich? Sie hat etwas gemacht. Dima, sie ist in mein Meeting gestürmt, hat mich vor Partnern als Flittchen beschimpft und meine Sekretärin angegriffen. Die Security musste sie rausbringen.“
„Sie sagt, du hast sie gedemütigt. Vor allen. Wie eine Idiotin dastehen lassen. Hast du überhaupt eine Ahnung, was sie durchgemacht hat?“
„Und hast du eine Ahnung, was ich gerade durchmache?“, ihre Stimme zitterte. „Mein Vater ist vor einem Monat gestorben. Ich versuche, seine Firma zu halten. Und deine Mutter…“
„Meine Mutter ist nicht irgendwer“, unterbrach er sie. „Und überhaupt, Anja, wir müssen ernsthaft reden.“
Anna erstarrte. Kälte kroch ihr den Rücken hinauf.
„Worüber?“
„Ich komme heute Abend meine Sachen holen. Ich ziehe erstmal zu meiner Mutter. Wir müssen überlegen, wie es weitergeht.“
„Dima…“
„Und ja. Mama hat recht. Du bist dort in der Firma nur vorübergehend. Übertreib es nicht mit dem Chefsessel. Wir reichen die Unterlagen zur Vermögensaufteilung ein.“
Das Gespräch brach ab.
Anna stand mitten im Büro, das Telefon fest in der Hand, und sah durch das Fenster den fallenden Schnee. Er fiel und fiel, bedeckte die Stadt mit einer weißen, scheinbar reinen Schicht, unter der weder Schmutz noch Schmerz noch Verrat sichtbar waren.
Sie ließ sich in den Stuhl ihres Vaters sinken. Er trug noch seinen Geruch – Tabak, altes Leder und das „Shypre“-Aftershave, das sie ihm jedes Jahr zum 23. Februar schenkte. Für einen Moment glaubte sie seine Stimme zu hören: „Nicht weinen, Tochter. Alles wird gut.“
Aber zum ersten Mal in ihrem Leben glaubte sie dieser Stimme nicht.
Sie wusste nicht mehr, wie sie aus dem Büro herauskam. Ihre Beine trugen sie zum Auto, ihre Hände starteten den Motor. Sie fuhr durch die verschneiten Straßen, und die Stadt wirkte fremd, unwirklich, wie Kulisse eines Films, in dem sie die falsche Rolle spielte.
Die Wohnung empfing sie in Stille. Eine so dichte Stille, dass das Rauschen in ihren Ohren lauter war als jeder Lärm. Anna warf den Mantel in den Flur, ging in die Küche und schaltete das Licht ein. Auf dem Tisch stand die Tasse, aus der Dmitri am Morgen Kaffee getrunken hatte. Er ließ sie immer stehen, nie räumte er sie weg. Anna schimpfte ihn dafür, er winkte ab: „Mama kommt ja und räumt auf.“
Mama kommt. Mama räumt auf. Mama sagt, wie man lebt.
Anna nahm die Tasse und warf sie mit voller Kraft gegen die Wand. Porzellan zersplitterte, weiße Scherben verteilten sich auf den Fliesen. Sie stand da und starrte darauf, schwer atmend. So etwas hatte sie sich nie erlaubt. Ihr Vater hatte ihr beigebracht, sich zu beherrschen, standzuhalten, keine Schwäche zu zeigen. Aber heute war keine Kraft mehr da.
Sie sank auf die Knie und begann, die Scherben aufzusammeln. Eine schnitt in ihren Finger, Blut trat aus. Sie sah auf den roten Tropfen, der sich mit dem weißen Porzellanstaub mischte, und plötzlich brach sie in Tränen aus. Sie weinte selten, hielt Tränen für Luxus. Doch diesmal kamen sie einfach, und sie konnte sie nicht stoppen.
Erinnerungen überschwemmten sie. Das erste Jahr mit Dima in dieser Wohnung. Wie glücklich sie gewesen war, als sie Bücher einräumte, Vorhänge aufhängte, Geschirr aussuchte. Wie sie und Dima albern durch die Küche tanzten, Musik aus dem Radio, er sie im Kreis drehte und sie lachte. Wie Nina Pawlowna hereinkam und sagte: „Diese Vorhänge sind viel zu billig, Dimotschka, so etwas geht nicht. Mama kauft dir richtige.“ Und Dima schwieg. Und Anna redete sich ein, dass es nur Vorhänge seien. Dass es keinen Streit wert sei.
Dann kam der Umbau. Anna wollte helle Wände, möglichst wenig Möbel, Luft, Raum. Nina Pawlowna brachte ihre eigenen Arbeiter und ließ im Wohnzimmer die Tapete gegen goldene mit absurden Ornamenten austauschen. „So sieht es reicher aus“, erklärte sie.
Dmitri zuckte nur mit den Schultern: „Mama hat sich Mühe gegeben, nimm ihr das nicht übel.“ Anna war damals kurz davor gewesen, ihn zu verlassen. Doch er bat, schwor, es sei das letzte Mal, er werde mit seiner Mutter reden.
Er tat es nicht.
Anna stand vom Boden auf, warf die Scherben in den Mülleimer und verband ihren geschnittenen Finger mit einer Papierserviette. In der Diele klingelte es. Sie zuckte zusammen und sah zur Tür. War das Dmitri? Oder war die Schwiegermutter zurückgekommen, um den Rest zu erledigen?
Doch im Türrahmen stand Ilja. Der jüngere Bruder. Alte Jacke, schmutzige Schuhe, die Mütze schief auf dem Kopf. In den Händen eine Einkaufstüte.
„Hey, Schwesterchen“, sagte er und trat einfach ein. „Ich bin gekommen… ich dachte, du sitzt hier allein und hast nichts zu essen. Hab dir was gekauft.“
Er ging in die Küche, sah die Scherben im Mülleimer, die Spuren auf dem Boden, ihre verweinten Augen. Er stellte die Tüte ab, trat zu ihr und umarmte sie fest, unbeholfen, aber warm – so, wie nur er es konnte. Ilja war drei Jahre jünger, aber in solchen Momenten wirkte er älter.
„Ich weiß schon Bescheid“, sagte er dumpf. „Das ganze Büro redet davon. Sweta hat im Klo halb den Tag geweint, hat alles erzählt.“
„Du warst dort?“, fragte Anna leise, das Gesicht an seiner Schulter.
„Ich war auf der Baustelle, da hört man nichts außer Bohrhämmern. Abends hab ich’s erfahren. Ich bin sofort hergekommen. Hat Dima angerufen?“
„Hat er“, Anna löste sich und wischte sich die Augen. „Er kommt wegen seiner Sachen. Er reicht die Scheidung ein.“
Ilja pfiff leise durch die Zähne, setzte sich auf einen Hocker und sah sie an.
„Was für ein Mistkerl. Und seine Mutter hat also den Aufklärungsangriff gemacht? Reingeplatzt, um zu testen, wie die Lage ist?“
„Ich weiß es nicht, Ilja. Ich weiß gar nichts mehr. Ich will nur, dass es aufhört.“
„Wird es nicht“, sagte er hart. „Du verstehst das doch, oder? Die lassen nicht locker. Jetzt, wo Vater tot ist, werden sie dich ausnehmen wie eine Bank. Für die bist du ein Konto mit Zinsen. Dass du ein Mensch bist… egal.“
Anna sah ihn an. Ilja war immer so gewesen – direkt, schroff, manchmal grob. Ihr Vater hatte oft gesagt: „Ilja ist ein ehrlicher Kerl, perfekt für die Baustelle. Fürs Geschäft eher nicht – da braucht man List. Er rennt einfach geradeaus wie ein Panzer.“
Er arbeitete als Vorarbeiter, schuftete von morgens bis abends. Die Arbeiter mochten ihn, weil er fair war und selbst zupackte. Im Büro hielt er sich selten auf – „diese Anzugträger“ konnte er nicht ausstehen.
„Willst du was essen?“, fragte Ilja und öffnete die Tüte. „Ich hab Kotletten geholt, Brot, Milch, Kekse. Mama hätte gesagt, man muss richtig essen… aber Mama ist ja nicht da, also machen wir’s so.“
Anna lächelte schwach. Ilja erwähnte ihre Mutter oft, obwohl sie starb, als er zehn und Anna dreizehn war. Für ihn blieb sie eine warme Erinnerung.
Sie aßen in der Küche, schweigend. Niemand drängte Fragen auf.
„Ilja…“, begann Anna schließlich. „Hast du Vater kurz vor… dem Krankenhaus noch gesehen?“
„Ja“, nickte er. „Eine Woche vorher auf der Baustelle. Er stand lange da, hat geraucht und gesagt: ‚Pass auf deine Schwester auf. Mir ist unruhig. Dima ist kein schlechter Mann, aber seine Mutter wird uns Anna auffressen. Die gehen über Leichen für unsere Firma.‘“
Anna erschauerte. Dieselben Worte wie in ihren Erinnerungen.
„Er hat auch vom Testament gesprochen“, fügte Ilja leiser hinzu. „Er hat gesagt, er hat alles geregelt. Er wollte, dass niemand Fremdes sich das Geschäft schnappt.“
„Weißt du, was drinsteht?“
„Nein. Und ich will es auch nicht wissen“, sagte er entschieden. „Ich will nichts davon, Anja. Ich hab meine Hände, ich arbeite. Das ist alles deins.“
„Sag so was nicht“, sagte sie und legte ihre Hand auf seine. „Du bist Familie. Es ist unser Geschäft.“
Da klingelte es erneut. Diesmal lang, aggressiv, als würde jemand die Klingel festdrücken.
Sie sahen sich an.
„Ich mach auf“, sagte Ilja und stand auf.
Doch Anna war bereits unterwegs zur Tür. Sie wusste, wer dort stand.
Dmitri.
Teures Mantel, Schal, perfekt sitzende Frisur. Gepflegter, schöner Mann – früher hatte Anna ihn angesehen und ihr Glück kaum glauben können. Jetzt sah sie nur noch einen Fremden.
„Wegen deiner Sachen?“, fragte sie kalt.
„Kann ich reinkommen?“
„Komm rein.“
Er trat ein, sah Ilja in der Küche stehen und verzog das Gesicht.
„Ilja ist auch da? Perfekt. Familienrat also.“
„Du bist keine Familie mehr“, fauchte Ilja. „Du wolltest doch gehen.“
„Ich will Dinge klären“, sagte Dmitri und hängte seinen Mantel auf, als wäre er nie weg gewesen. „Wir müssen reden. Ohne Publikum.“
„Ilja bleibt“, sagte Anna ruhig.
Dmitri zuckte mit den Schultern und ging in die Küche.
„Ihr esst wie Studenten. Du könntest auch ins Restaurant gehen.“
„Ich bin nicht hungrig“, sagte Anna. „Sprich.“
Er schwieg kurz, sammelte sich.
„Die Situation ist absurd. Meine Mutter hat überreagiert, ja. Aber du hast sie auch nicht geschont.“
„Sie hat mich im Meeting als Schlampe beschimpft“, erinnerte Anna. „Sollte ich applaudieren?“
„Du hättest weicher sein können.“
„Ich war fünf Jahre weich, Dima.“
Er rieb sich die Schläfe – diese bekannte Geste. Anna kannte sie zu gut.
„Gut“, sagte er schließlich. „Vergessen wir das. Ich bin wegen etwas anderem hier. Wir müssen entscheiden, wie es weitergeht.“
„Du hast schon entschieden. Du holst deine Sachen.“
„Das sind die Umstände“, sagte er. „Meine Mutter macht mich fertig. Sie sagt jeden Tag, du würdest mich nicht schätzen, ich sei nichts für dich.“
„Und du hast ihr nicht widersprochen?“
„Und du beweist das Gegenteil!“, explodierte er plötzlich. „Wo warst du die letzten Monate? Arbeiten! Du bist gekommen, wenn ich schon geschlafen habe, gegangen, bevor ich wach war! Wir hatten keine Ehe!“
„Weil mein Vater im Krankenhaus lag!“, rief Anna zurück. „Ich habe versucht, seine Firma zu retten!“
„Und mich hast du gefragt?“, Dmitri lief im Raum auf und ab. „Ich bin kein Möbelstück!“
„Du hättest helfen können!“
„Deine Mutter hat recht!“, schrie er. „Du hast kein Leben mehr! Keine Kinder, keinen Mann, nur diese Firma!“
Ilja machte einen Schritt nach vorne.
„Nicht“, sagte Anna leise und hielt ihn zurück.
Dmitri atmete schwer.
„Entschuldige“, murmelte er. „Ich will keinen Streit. Ich will eine Lösung.“
„Welche?“
„Scheidung. Du behältst die Firma. Ich nehme Wohnung und Auto. Und das Geld deines Vaters teilen wir.“
Anna starrte ihn an.
„Welche Wohnung? Die mein Vater vor der Ehe gekauft hat?“
„Beweis es“, lächelte er kalt. „Wir haben hier fünf Jahre gelebt. Gericht sieht das anders.“
„Du hast nichts beigetragen!“, platzte Ilja heraus.
„Und wer bist du?“, konterte Dmitri. „Ein Bauarbeiter, der nichts versteht.“
„Hör auf“, sagte Anna.
Sie stand aufrecht.
„Geh. Nimm deine Sachen und geh. Anwälte regeln das.“
Dmitri zog seinen Mantel an.
„Das ist Krieg? Meine Mutter gibt nicht auf.“
Er ging.
Die Tür fiel zu.
Stille.
Ilja setzte sich und vergrub das Gesicht in den Händen.
„Tut mir leid, Anja… ich hätte ruhig sein sollen.“
„Du hast recht“, sagte Anna und strich ihm wie einem kleinen Jungen über den Kopf. „Du hast alles richtig gesagt.“
„Was machen wir jetzt? Er wird nicht aufhören. Die wollen die Wohnung nehmen, die Firma nehmen. Die sind gierig, die sind doch…“
„Ich weiß“, unterbrach Anna ihn. „Ich weiß, Ilja. Deshalb gehen wir morgen früh zum Notar.“
Ilja hob den Kopf.
„Wozu?“
„Um das Testament unseres Vaters zu öffnen“, sagte Anna und sah aus dem Fenster, wo der Schnee fiel. „Papa wusste etwas. Papa hat vorgesorgt. Wir müssen erfahren, was er uns hinterlassen hat. Und wie er uns schützen wollte.“
Sie trat ans Fenster und legte die Stirn an das kalte Glas. Hinter ihr saß ihr Bruder still. Vor ihnen lag das Ungewisse. Aber zum ersten Mal an diesem langen, endlosen Tag spürte Anna nicht Angst, sondern Wut. Wut gab Kraft. Wut sagte: Du schaffst das. Du darfst nicht aufgeben.
Ihr Vater hatte seine Firma nicht aufgebaut, damit fremde gierige Menschen sie Stück für Stück auseinandernehmen.
Die Nacht schlief Anna kaum. Sie wälzte sich im Bett, starrte an die Decke, lauschte den Geräuschen der leeren Wohnung. Irgendwo lief ein Fernseher, über ihr weinte ein Kind, und in ihrem eigenen Leben gab es nur Stille und einen dumpfen Schmerz, der trotz aller Beruhigungsmittel nicht verschwand.
Am Morgen stand sie erschöpft auf, blieb lange unter der heißen Dusche, um sich aufzuwärmen. Doch die Kälte in ihr blieb. Sie zog einen dunklen, strengen Anzug an, den sie schon zur Beerdigung ihres Vaters getragen hatte, band die Haare streng zusammen und sah sich lange im Spiegel an. Geschwollene Augen, dunkle Schatten. Sie wirkte wie ein Soldat vor der Schlacht – müde, aber bereit, bis zum Ende zu gehen.
Ilja holte sie um halb neun ab. Er war ungewöhnlich ernst, trug ein sauberes Hemd und dunkle Jeans – seine „Schickversion“ als Polier, der sonst Arbeitskleidung gewohnt war.
„Bereit?“, fragte er, als Anna ins Auto stieg.
„Bereit“, nickte sie. „Fahren wir.“
Die Notarkanzlei befand sich im alten Stadtzentrum, in einem Gebäude mit hohen Decken und knarrendem Parkett. Sie warteten lange im Vorraum, betrachteten verblasste Urkunden an den Wänden und die gelangweilte Sekretärin hinter der Glasscheibe.
Die Notarin, eine ältere Frau mit freundlichem Gesicht und strengen Augen, empfing sie im Büro. Sie kannte Annas Vater, hatte viele Jahre mit ihm gearbeitet.
„Mein Beileid, mein Kind“, sagte sie und reichte Anna die Hand. „Ein guter Mann. Zuverlässig.“
„Danke“, antwortete Anna und spürte den Kloß im Hals.
„Sie wollen das Testament vorzeitig eröffnen?“
„Ja“, sagte sie fest. „Sehr wichtige Gründe.“
Ilja stand neben ihr, still, die Mütze in der Hand, die er im Büro nicht abgenommen hatte.
Die Notarin öffnete den Safe und holte einen versiegelten Umschlag heraus. Anna erkannte sofort die Handschrift ihres Vaters – groß, kraftvoll, mit Druck geschrieben.
„Das Testament wurde vor sechs Monaten erstellt“, erklärte die Notarin. „Alles ist rechtsgültig. Wenn Sie bereit sind…“
„Wir sind bereit“, sagte Anna.
Sie öffnete den Umschlag, überflog das Dokument und begann zu lesen.
„Nach dem letzten Willen Ihres Vaters wird das gesamte bewegliche und unbewegliche Vermögen, einschließlich der Baugesellschaft ‚Strojinvest‘, wie folgt verteilt…“
Sie machte eine Pause.
„Die Mehrheit der Firmenanteile, einundfünfzig Prozent, geht an Ilja Sergejewitsch, Sohn des Verstorbenen.“
Stille.
Anna starrte die Notarin an. Ihr Gehirn weigerte sich zu verstehen.
„Was?“, flüsterte Ilja. „Das kann nicht sein. Das ist ein Fehler.“
„Kein Fehler“, sagte die Notarin ruhig. „Neunundvierzig Prozent sowie die Stadtwohnung und das Bankvermögen gehen an Anna Sergejewna.“
Anna sagte nichts. Sie hielt sich am Stuhl fest und starrte ins Leere.
Ihr Vater hatte Ilja die Firma gegeben. Ihm, der nie im Management gearbeitet hatte, der auf Baustellen stand und keine Bilanzen lesen konnte. Ihr, die fünf Jahre lang mit ihm gearbeitet hatte, blieb nur ein Teil. Und doch fühlte es sich nicht wie ein Geschenk an – sondern wie ein Schnitt.
„Das ist falsch!“, rief Ilja und lief im Raum auf und ab. „Ich kann das nicht! Ich verstehe davon nichts! Aňa hat alles gemacht!“
„Bitte beruhigen Sie sich“, sagte die Notarin. „Es gibt noch einen Brief.“
Sie holte ein weiteres Blatt hervor.
Anna nahm es mit zitternden Händen.
„Meine lieben Kinder, Anja und Ilja…“
Sie begann zu lesen. Erst laut, dann leise, dann nur noch mit den Augen.
Der Vater erklärte alles. Er erklärte seine Angst, seine Entscheidung, seinen Plan. Er vertraute Ilja Kraft und Loyalität zu, Anna Verstand und Führung. Er hatte sie bewusst getrennt – um sie zu schützen, nicht um sie zu verletzen. Und am Ende schrieb er nur:
„Ihr seid eins. Streitet nicht. Ich liebe euch beide.“
Als Anna fertig war, hob sie den Kopf.
Tränen liefen über ihr Gesicht, ohne dass sie es bemerkte.
Ilja stand am Fenster, den Rücken zu ihr gedreht, die Schultern zitternd.
„Papa…“, flüsterte Anna. „Papa…“
Sie hatte alles verstanden. Er hatte versucht, sie zu schützen. Er wusste, dass Dmitri und seine Mutter ihr die Hand verdrehen würden, und hatte die Firma Ilja überlassen – jemanden, den man weder mit Drohungen noch mit Schmeichelei beeinflussen konnte. Ilja war eine Wand. Er würde nicht verkaufen, nicht aufgeben, nichts mit Fremden teilen.
— Anja — Ilja drehte sich um, seine Augen waren gerötet. — Ich nehme das nicht. Das ist nicht meins. Das ist deins. Du hast gearbeitet, du…
— Du wirst es nehmen — sagte Anna fest. — Papa hat es so entschieden. Also muss es so sein.
— Was heißt hier „muss“? — Ilja trat näher und packte ihre Hände. — Weißt du überhaupt, dass ich nicht mal Verträge lesen kann? Dass ich von diesen Zahlen keine Ahnung habe? Die ruinieren uns!
— Sie ruinieren uns nicht — Anna wischte sich die Tränen ab. — Wir machen das zusammen. Du bist der Leiter, ich kümmere mich um die Führung. So wollte es Papa. Keiner von uns verkauft, keiner gibt auf, keiner bricht.
Ilja sah sie lange an und nickte dann vorsichtig, als hätte er Angst, die Entscheidung könnte zerbrechen.
— Okay. Aber, Anja, du wirst diejenige sein, die führt. Ich kann diese Spiele nicht. Ich halte die Baustellen, die Arbeiter… alles andere bist du.
Anna wollte antworten, doch die Tür des Büros flog ohne Klopfen auf. Nina Pawlowna stand im Türrahmen. Hinter ihr erschien der blasse Dmitri.
— Ich hab’s doch gewusst! — schrie die Schwiegermutter und stürmte herein. — Ich wusste, dass ihr hier etwas dreht! Dima, sieh dir das an! Sie teilen schon alles auf! Wollen uns rauswerfen?!
Die Notarin hob den Blick, streng.
— Frau, wer sind Sie? Das ist eine geschlossene Sitzung. Verlassen Sie sofort den Raum.
— Ich bin die Mutter des rechtmäßigen Ehemanns dieser Frau! — Nina Pawlowna zeigte auf Anna. — Ich habe das Recht zu wissen, was hier passiert! Dima, steh nicht da rum, sag etwas!
Dmitri trat zwar ein, sah aber völlig verloren aus, als verstünde er selbst nicht, warum er hier war. Offenbar hatten sie Anna und Ilja schon den ganzen Morgen beobachtet.
— Zeigen Sie mir das Testament! — forderte Nina Pawlowna und trat auf die Notarin zu. — Ich habe ein Recht darauf!
— Sie haben keinerlei Recht — antwortete die Notarin kalt. — Das ist ein vertrauliches Dokument, nur für direkte Erben.
— Und mein Sohn?! — Nina zerrte an Dmitris Ärmel. — Er ist ihr Ehemann!
— Er gehört nicht zur ersten Erbenklasse, solange es Kinder des Verstorbenen gibt — sagte die Notarin scharf. — Ich fordere Sie auf zu gehen, sonst rufe ich den Sicherheitsdienst.
Da riss Nina Pawlowna plötzlich das Testament vom Tisch und überflog es hastig. Ihr Gesicht erstarrte, dann lief es rot an.
— Was ist das?! — schrie sie. — Was soll dieser Unsinn? Irgendein Ilja? Ein Vorarbeiter?! Er bekommt einundfünfzig Prozent?! Und Dima nichts?! Seid ihr verrückt?!
— Nina Pawlowna — sagte Anna leise und stand auf — legen Sie das Dokument zurück.
— Du elendes Ding! — die Schwiegermutter warf die Papiere auf den Boden. — Du hast alles eingefädelt! Du hast deinen Vater manipuliert! Du dachtest, wir merken es nicht?!
Ilja trat plötzlich vor.
— Schweigen Sie. Wer sind Sie überhaupt, dass Sie hier hereinplatzen? Das ist unsere Familie. Unser Vater ist tot! Und Sie sind nur eine gierige Frau, die sich fremdes Eigentum holen will!
— Ilja, nicht — flüsterte Anna und berührte seinen Arm.
— Doch! — Ilja war nicht mehr zu stoppen. — Fünf Jahre habe ich geschwiegen! Fünf Jahre habe ich zugesehen, wie sie dich zerreißt! Jetzt reicht es! Raus hier! Sofort!
Er trat Dmitri direkt gegenüber.
— Und du? Bist du ein Mann oder ein Lappen? Du bringst deine Mutter mit, statt selbst zu reden? Du versteckst dich hinter ihr wie hinter einem Rammbock. Schäm dich!
Dmitri war bleich, sagte nichts.
— Gehen wir — murmelte er schließlich. — Mama, lass uns gehen.
— Wie bitte?! — kreischte Nina Pawlowna. — Das lassen wir nicht so! Wir gehen vor Gericht!
— Gehen Sie — antwortete Anna ruhig. — Im Gericht sehen wir uns wieder. Aber vergessen Sie nicht, dass Ihr Einbruch hier auch Konsequenzen hat.
Die Schwiegermutter wurde noch roter, wollte etwas schreien, aber Dmitri zog sie bereits Richtung Ausgang. Die Tür fiel hinter ihnen zu.
Stille blieb zurück, nur Iljas schwere Atmung und die sich entfernenden Schritte im Flur waren zu hören.
Die Notarin seufzte.
— Es ist schwer für Sie, Mädchen. Ihr Vater wusste wohl alles. Halten Sie durch.
Anna nickte, hob das Testament vom Boden auf und legte es sorgfältig zusammen. Den Brief ihres Vaters hielt sie wie einen Schatz an sich gedrückt.
Draußen schneite es stärker. Große Flocken fielen auf ihre Gesichter und Schultern und schmolzen auf der warmen Haut.
Ilja zündete sich eine Zigarette an, obwohl er normalerweise nicht vor ihr rauchte.
— Entschuldige, Anja. Ich konnte mich nicht zurückhalten.
— Du hast richtig gehandelt — sagte sie und nahm seinen Arm. — Er wäre stolz auf dich.
— Papa… — Ilja schluckte. — Er hat wirklich alles vorausgesehen.
— Ja — antwortete Anna leise. — Er wusste vieles. Nur hat er nicht alles gesagt.
Sie stiegen ins Auto. Ilja startete den Motor, fuhr aber noch nicht los.
— Und jetzt? — fragte er.
— Jetzt arbeiten wir — sagte Anna. — Wir führen die Firma weiter. Wir beenden die Projekte. Wir sorgen für die Menschen.
— Und Dmitri? Die lassen uns nicht in Ruhe.
— Nein, das tun sie nicht — gab sie zu. — Aber jetzt haben wir etwas dagegen. Den Willen unseres Vaters. Und uns.
Sie öffnete ihr Handy und sah eine Nachricht von Zinaida Stepanowna, der alten Buchhalterin.
„Anja, ich habe Angst. Kommen Sie morgen früh ins Büro. Ihr Mann war gestern hier, hat Finanzunterlagen verlangt. Ich habe nichts gegeben. Er war sehr wütend und hat gedroht. Und ich habe etwas in den Unterlagen gefunden. Bitte kommen Sie.“
Anna las die Nachricht zweimal und reichte das Handy an Ilja.
— Lies.
Ilja pfiff leise.
— Was ist das schon wieder?
— Ich weiß es nicht — sagte sie und sah hinaus in den Schnee. — Aber morgen werde ich es erfahren. Und ich glaube, es wird nichts Gutes sein.
Der Wagen fuhr los, hinein in den Schneesturm.
Am Morgen kam Anna noch vor Sonnenaufgang ins Büro. Die Stadt schlief noch. Nur vereinzelt fuhren Autos vorbei, Straßenreiniger räumten den Schnee.
Im Büro brannte Licht. Zinaida Stepanowna wartete bereits, zusammengesunken an ihrem Tisch, die Brille in der Hand drehend.
— Danke, dass Sie gekommen sind — sagte sie leise. — Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen.
Anna führte sie in ihr Büro.
— Sagen Sie es einfach.
Die alte Buchhalterin holte tief Luft.
— Ihr Mann war gestern hier. Er wollte die Unterlagen des letzten Jahres. Er schrie, drohte, sagte, er sei der Herr hier. Ich musste sogar den Sicherheitsdienst rufen.
— Ist er gegangen?
— Ja. Aber danach habe ich die Unterlagen geprüft, die er wollte. Und ich habe etwas gefunden.
Mit zitternden Händen zog sie eine dicke, zusammengebundene Mappe hervor.
— Schauen Sie hier.
Sie legte Blätter auf den Tisch.
— Sehen Sie diese Zahlungen? Vor sechs Monaten, im August, gingen große Summen vom Firmenkonto ab. Zweihunderttausend, dreihunderttausend… insgesamt fast eine Million. Auf Firmen, die kurz danach verschwunden sind.
Anna sah auf die Papiere. Die Zahlen verschwammen vor ihren Augen, doch sie zwang sich, sich zu konzentrieren.
— Unterschrift des Vaters?
— Ja, die Unterschrift — nickte Zinaida Stepanowna. — Aber, Anja, Ihr Vater hätte solche Zahlungen niemals genehmigt. Ich kenne ihn seit zwanzig Jahren. Er hat jeden Cent gezählt, und hier geht es um fast eine Million an irgendwelche Scheinfirmen. Und schauen Sie sich die Daten an: Am Tag, als die ersten zweihunderttausend überwiesen wurden, lag Ihr Vater im Krankenhaus. Er hatte einen Blutdruckanfall, ich habe selbst mit ihm telefoniert, er klagte über Schwindel. Wie hätten da Zahlungen stattfinden können?
Anna wurde eiskalt. Ihr Blick wanderte von den Dokumenten zum Gesicht der Buchhalterin und wieder zurück.
— Sie wollen sagen…
— Ich will sagen, dass die Unterschrift gefälscht sein könnte — sagte Zinaida Stepanowna leise, aber bestimmt. — Ich bin keine Expertin, aber es sieht danach aus. Und wenn das stimmt, Anja, dann ist das ein Strafverfahren. Besonders schwerer Diebstahl.
Anna lehnte sich im Stuhl zurück. Eine Million. Fast eine Million Rubel, aus der Firma ihres Vaters gestohlen. Und Dmitri, der gestern genau diese Unterlagen verlangt hatte. Dmitri, der in der Firma gearbeitet hatte, der Zugriff auf die Konten hatte, der wusste, wann ihr Vater im Krankenhaus war und wann nicht.
— Haben Sie den Sicherheitsdienst gerufen, als er hier war?
— Ja. Aber er ist gegangen, bevor sie ankamen. Anja, ich habe Angst. Wenn er erfährt, dass ich Ihnen das erzählt habe…
— Er wird Ihnen nichts tun — unterbrach Anna sie scharf. — Sie stehen unter meinem Schutz. Danke, Zinaida Stepanowna. Sie wissen gar nicht, wie sehr Sie uns geholfen haben.
Sie brachte die Buchhalterin zur Tür, kehrte zurück und starrte lange auf die Unterlagen. Eine Million. Ein Vermögen für die Firma ihres Vaters. Damit hätte man neue Technik kaufen, Prämien zahlen, neue Projekte starten können. Und jemand hatte es einfach genommen.
Sie wählte Iljas Nummer.
— Anja? Was ist los, so früh?
— Komm ins Büro. Sofort. Ich habe etwas gefunden.
— Was ist passiert?
— Komm einfach, Ilja. Es ist wichtig.
Vierzig Minuten später stürmte Ilja ins Büro, zerzaust, im gleichen Hemd wie gestern, offenbar hatte er gar nicht geschlafen. Wortlos reichte Anna ihm die Papiere.
— Schau.
Ilja las lange, jede Zahl prüfend, dann hob er den Blick.
— Das ist Dima?
— Es sieht so aus.
— Eine Million — pfiff Ilja. — Der Mistkerl. Anja, wir müssen zur Polizei gehen.
— Müssen wir — stimmte Anna zu. — Aber zuerst will ich mit ihm sprechen.
— Wozu? Er wird alles abstreiten.
— Wir werden sehen — sagte Anna kühl. — Ruf ihn an. Sag, es sei eine dringende Besprechung zu den Projekten. Er wird kommen. Er denkt, er ist sicher.
Ilja wollte widersprechen, sah aber ihren Blick und nickte schließlich.
Dmitri kam eine Stunde später. Er trat selbstsicher ein, ohne anzuklopfen, und grinste.
— Was für eine Überraschung! Ihr habt mich also gerufen? Versöhnung? Oder gebt ihr mir die Wohnung freiwillig?
— Setz dich, Dima — sagte Anna ruhig.
Er setzte sich, legte die Beine übereinander, wirkte entspannt. Nur seine Augen verrieten Unruhe.
Anna legte ein Dokument vor ihn.
— Kennst du das?
Er warf einen kurzen Blick darauf. Dann las er genauer. Sein Gesicht veränderte sich sofort.
— Was ist das? — fragte er heiser.
— Zahlungsanweisungen. Eine Million Rubel. Mit der Unterschrift meines Vaters. Die offenbar in dem Moment gesetzt wurde, als er im Krankenhaus lag.
Stille.
— Du hast die Firma bestohlen, Dima — sagte Anna ruhig weiter. — Du hast meinen Vater bestohlen. Einen toten Mann. Weißt du, was das bedeutet?
— Ich habe nichts gestohlen! — schrie er auf. — Das ist eine Lüge! Dein Vater hat alles selbst unterschrieben!
— Setz dich — sagte Anna leise.
Und er setzte sich.
— Die Gutachter werden zeigen, dass die Unterschrift gefälscht ist. Und jetzt will ich die Wahrheit hören.
— Welche Wahrheit? — er wich ihrem Blick aus.
— Dima. Wir waren fünf Jahre zusammen. Ich habe dich geliebt. Sag mir ehrlich: Hast du das Geld genommen?
Lange Stille.
Dann sah er sie an.
Angst. Scham. Und etwas wie Erleichterung.
— Ja — flüsterte er. — Ich habe es genommen.
Ilja machte eine Bewegung auf ihn zu, aber Anna hob die Hand.
— Warum?
Dmitri lachte kurz auf, bitter.
— Warum? Weil dein Vater mich nie als Mensch gesehen hat. Ich war für ihn nur ein Angestellter, obwohl ich sein Schwiegersohn war! Ich wollte etwas aufbauen, aber er hat mich immer weggeschoben. Und ich? Ich wollte auch etwas Eigenes!
— Und dafür hast du ihn bestohlen?
— Das war kein Plan… — er fuhr sich durchs Gesicht. — Meine Mutter hat gesagt, wir müssen uns absichern. Dass du uns rauswirfst, sobald er stirbt. Sie sagte: Nimm, solange du kannst. Und ich habe genommen.
— Deine Mutter hat gesagt — wiederholte Anna kalt. — Und du selbst?
— Ich kann ohne sie nicht denken — platzte er plötzlich heraus. — Verstehst du das nicht? Sie hat mich mein ganzes Leben kontrolliert!
Anna sah ihn an. Nicht mehr ihren Mann. Nicht mehr den starken, selbstbewussten Mann, den sie einmal geliebt hatte. Sondern einen verängstigten, abhängigen Jungen.
— Was passiert jetzt? — fragte er leise. — Zeigst du mich an?
— Ich weiß es nicht — sagte Anna ehrlich. — Ich muss nachdenken.
— Anja, bitte… — er fiel plötzlich auf die Knie vor ihr. — Bitte zeig mich nicht an! Ich gebe alles zurück! Ich arbeite es ab! Meine Mutter wird das nicht verkraften!
— Steh auf — sagte Anna angewidert. — Mach dich nicht lächerlich.
Doch er blieb kniend, klammerte sich an ihre Hände. Ilja wandte sich ab.
In diesem Moment öffnete sich die Tür erneut.
Nina Pawlowna trat ein.
Doch sie war nicht mehr die Frau von früher. Kein Make-up, blasses Gesicht, rote Augen, zerzauste Haare. In der Hand hielt sie ein altes Fotoalbum und Dokumente.
Sie blieb stehen, als sie ihren Sohn auf den Knien sah. Doch sie sagte nichts. Setzte sich nur langsam, legte das Album auf den Tisch.
— Guten Tag, Anja — sagte sie leise.
Anna starrte sie an. Ungläubig.
— Warum sind Sie hier?
Ein tiefer Atemzug.
— Steh auf, Dima. Hör auf, dich zu blamieren.
Dmitri setzte sich wortlos auf die Fensterbank.
— Ich weiß, was er getan hat — sagte sie schließlich. — Ich weiß alles.
— Und Sie haben geschwiegen? — explodierte Ilja. — Sie haben das gedeckt?
— Ja — nickte sie. — Ich dachte, ich tue das Richtige für meinen Sohn. Jetzt weiß ich, dass ich ihn zerstört habe.
Sie öffnete das Album. Alte, verblasste Fotos. Eine junge Nina in ärmlicher Kleidung, ein kleiner Dmitri auf dem Arm. Eine karge Wohnung, leere Schränke.
— Ich komme aus der Armut — sagte sie leise. — Du weißt nicht, was das heißt. Kein Essen. Kein Milch für ein Kind. Ein Mann, der trinkt und schlägt. Ich habe alles allein geschafft. Zwei Jobs. Keine Nächte Schlaf.
Sie sah Anna an.
— Ich wollte nur, dass mein Sohn es besser hat. Ich habe ihn gelehrt: Nimm, solange du kannst. Kämpf dich nach oben. Ich dachte, das ist Liebe.
Ihre Stimme brach.
— Als er dich mitgebracht hat, habe ich mich gefreut. Reiche Schwiegerfamilie, alles perfekt. Aber dann habe ich gesehen, dass du anders bist. Dass du Familie willst, nicht Geld. Dass du ihn wirklich liebst. Und da hatte ich Angst.
— Erschrocken? — fragte Anna nach.
— Ich hatte Angst, dass du ihn mir wegnimmst — stieß Nina Pawlowna hervor. — Dass er mehr auf dich hört als auf mich. Dass ich allein bleibe, niemandem mehr wichtig. Also habe ich den Krieg angefangen. Ich dachte, wenn ich euch auseinanderbringe, bleibt er bei mir. Eine dumme alte Frau.
Sie griff in ihre Tasche, holte einen zerknitterten Umschlag heraus und legte ihn auf den Tisch.
— Hier sind zweihunderttausend. Meine Ersparnisse, für das Alter zurückgelegt. Ich weiß, das ist wenig, es reicht nicht für eine Million, aber mehr habe ich nicht. Ich verkaufe alles, die Wohnung auch, ich nehme Schulden auf, aber ich werde das Geld zurückgeben. Nur, Anja, ich flehe dich an: vernichte Dima nicht. Schick ihn nicht ins Gefängnis. Er ist kein Monster, er ist schwach, ein Idiot, aber kein Verbrecher. Ich bin an allem schuld. Ich habe ihn so gemacht.
Dmitri auf der Fensterbank brach plötzlich in Tränen aus, verbarg das Gesicht in den Händen. Seine Schultern bebten. Ilja wandte sich ab, es war ihm unerträglich, das anzusehen.
Anna saß regungslos da. Vor ihr lagen Fotos, Geld, Diebesdokumente. Vor ihr die Frau, die sie fünf Jahre lang gehasst hatte, und diese Frau weinte und bat um Vergebung. In Anna kochte alles. Sie wollte schreien, sie hinauswerfen, die Polizei rufen, alles zerstören. Doch stattdessen fühlte sie nur Müdigkeit. Eine endlose, erschöpfende Müdigkeit.
— Nehmen Sie das Geld zurück — sagte sie leise. — Ich werde es nicht annehmen.
Nina Pawlowna sah sie erschrocken an.
— Sie wollen nicht vergeben? Ich verstehe…
— Es geht nicht um Vergebung — unterbrach Anna sie. — Das ist Ihr Geld, Sie haben es gespart. Und die Firma… die Firma wird schon irgendwie überleben.
— Anja — warf Ilja ein — du meinst das ernst? Eine Million…
— Sei still, Ilja — stoppte Anna ihn. — Ich entscheide das.
Sie stand auf, ging zum Fenster und stellte sich neben Dmitri. Er hob sein verweintes Gesicht.
— Geh, Dima — sagte sie. — Nimm deine Mutter und geh. Ich werde keine Anzeige erstatten. Aber morgen unterschreibst du einen vollständigen Verzicht auf alle Ansprüche. Die Wohnung ist meine, das Auto ist meins, die Firma ist meins. Und dann verschwindet ihr aus meinem Leben. Für immer.
Dmitri starrte sie ungläubig an.
— Du… du zeigst mich wirklich nicht an?
— Nein. Aber wenn ich dich noch einmal sehe oder von dir höre, wenn ihr jemanden aus meiner Familie auch nur anrührt, gehe ich zur Polizei. Mit allen Beweisen. Geht.
Nina Pawlowna stand auf, ging zu ihrem Sohn und nahm seine Hand. An der Tür drehte sie sich noch einmal um.
— Anja… vergib uns. Wenn du kannst.
— Gehen Sie — sagte Anna nur.
Die Tür fiel zu. Stille blieb zurück. Ilja trat zu seiner Schwester und legte die Arme um ihre Schultern.
— Wie geht’s dir?
— Ich weiß es nicht — gab sie zu. — Ich glaube, ich habe gerade meinen ganzen Schmerz losgelassen. Und jetzt weiß ich nicht, wohin damit.
— Du hast richtig gehandelt — sagte Ilja leise. — Papa wäre stolz gewesen.
— Papa hätte gesagt, ich bin dumm — lächelte sie bitter. — Dass ich sie hätte einsperren sollen.
— Papa hätte gesagt, du bist stärker als sie, weil du vergeben kannst.
Anna sah ihn an. In seinen Augen lag so viel Wärme, dass ihr die Tränen kamen.
— Danke, Ilja. Dass du da bist.
— Ich sollte dir danken. Dass du da bist.
Sie standen am Fenster und sahen zu, wie im Schneetreiben zwei Gestalten verschwanden — eine gebeugte alte Frau und ihr erwachsener Sohn, die einen Teil ihres Lebens mitnahmen.
Nachdem sich die Tür hinter Dmitri und Nina Pawlowna geschlossen hatte, blieb das Büro still. Anna stand am Fenster und sah zu, wie der Schnee die Scheiben bedeckte und die Stadt in einen verschwommenen weißen Fleck verwandelte. Ilja saß auf dem Sofa und hielt sich den Kopf.
So vergingen zehn Minuten, vielleicht mehr. Die Zeit verlor ihre Ordnung.
— Anja — sagte Ilja schließlich — bist du sicher, dass das richtig war?
— Ich weiß es nicht — antwortete sie, ohne sich umzudrehen. — Aber anders konnte ich nicht.
— Er hat eine Million gestohlen. Eine Million, Anja. Papas Geld.
— Ich weiß.
— Und du lässt ihn einfach gehen?
Anna drehte sich um. Ilja wirkte verwirrt, als hätte er eine andere Entscheidung erwartet — eine härtere, gerechtere.
— Was hättest du gewollt? Dass ich ihn ins Gefängnis bringe? Dass seine Mutter nach dem Zusammenbruch hier allein bleibt? Dass wir unser Leben lang wissen, dass ein Mensch wegen uns verrottet?
— Er ist kein Mensch, er ist ein Dieb — sagte Ilja hartnäckig.
— Er ist ein schwacher Mensch. Und das ist schlimmer. Einen Dieb kann man verstehen. Einen Schwachen nur bemitleiden.
Ilja schwieg.
— Papa hat die Firma nicht aufgebaut, damit wir in Gerichtsakten versinken — sagte Anna leise. — Er wollte, dass wir leben. Arbeiten. Menschen helfen. Nicht hassen.
— Du bist einfach zu gut — murmelte Ilja.
— Nein — sagte sie. — Ich bin nur müde vom Hassen.
Sie gingen später nach Hause. Die Stadt war erwacht.
Drei Tage später kam Dmitri zur Unterschrift. Allein. Müde, unrasiert, gebrochen. Er unterschrieb alles ohne aufzusehen. Bevor er ging, sagte er leise:
— Pass auf meine Mutter auf.
Anna antwortete nicht.
Er ging.
Ein Jahr später hatte sich alles verändert. Die Firma lief stabil. Ilja und Anna führten sie gemeinsam — er draußen auf den Baustellen, sie im Büro. Zinaida Stepanowna bekam eine neue Kaffeemaschine. Das Leben ging weiter.
Und eines Tages fuhr Anna zu einer alten Adresse.
Nina Pawlowna öffnete die Tür. Sie war klein geworden, grau, erschöpft.
— Anja… — flüsterte sie.
— Hallo, Nina Pawlowna.
Die Wohnung war schlicht, aber sauber. Alte Fotos an der Wand. Eine Tasse Tee auf dem Tisch.
— Ich bin jetzt allein — sagte sie leise. — Dima ruft selten an. Er hat sein eigenes Leben.
Anna sah sie an.
Und zum ersten Mal war da kein Hass mehr. Nur Ruhe.
— Mir geht es gut, — sagte Anna und setzte sich auf den Hocker, während sie sich umsah. — Und wie geht es Ihnen hier?
— Ach, es geht schon, ich lebe so vor mich hin. Ich bekomme meine Rente, die Nachbarin hilft mir, bringt Lebensmittel vorbei. Ich beschwere mich nicht.
Sie wuselte umher, setzte den Wasserkocher auf, holte Kekse aus einer alten Blechdose. Anna sah sie an und fühlte nichts außer einer ruhigen Traurigkeit. Der Hass war verschwunden, die Wut war weg, geblieben war nur Mitleid mit dieser einsamen alten Frau, die ihr einst wie ein allmächtiger Feind erschienen war.
— Verzeih mir, Anja, — sagte Nina Pawlowna plötzlich und setzte sich ihr gegenüber. — Ich habe dieses ganze Jahr viel nachgedacht. Ich habe alles verstanden. Ich war eine Närrin, wie man sie selten sieht. Ich habe meinen Sohn zugrunde gerichtet, dich beinahe auch, und mich selbst nicht geschont.
— Es ist alles vorbei, — antwortete Anna.
— Nein, das ist es nicht, — schüttelte die Schwiegermutter den Kopf. — So etwas geht nicht vorbei. Aber du… du hast dich als stark erwiesen. Und als gut. Solche Menschen habe ich noch nie getroffen. Du hast uns verziehen, obwohl wir es nicht verdient haben.
— Ich habe nicht verziehen, — sagte Anna ehrlich. — Ich habe einfach losgelassen. Das ist etwas anderes.
Nina Pawlowna nickte, als hätte sie verstanden.
— Aber sag mal, Anja, warum bist du gekommen?
— Ich weiß es nicht, — gab Anna zu. — Wahrscheinlich, um zu sehen, wie es Ihnen geht. Ilja sagt, ich sei dumm gewesen, dass ich hätte nicht kommen sollen. Aber ich denke, ich musste. Wir sind doch Menschen.
Sie tranken Tee, redeten über Kleinigkeiten — über das Wetter, die Nachbarn, darüber, dass bald Neujahr ist. Nina Pawlowna zeigte ein Foto, auf dem Dimka noch klein war, in Schuluniform, mit einem riesigen Blumenstrauß, und ihre Augen füllten sich mit Tränen.
— Er war ein guter Junge, — sagte sie. — Ich habe ihn verdorben. Ich habe ihm sein ganzes Leben verdorben.
— Vielleicht ist es noch nicht zu spät? — fragte Anna vorsichtig.
— Zu spät, Anjuschka. Für uns beide ist alles zu spät. Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich bereue, dass ich damals… dass ich ins Büro gestürmt bin, dass ich geschrien habe. Wenn man das nur zurückdrehen könnte…
— Die Vergangenheit kann man nicht zurückholen, — unterbrach Anna sie. — Die Zukunft kann man nur aufbauen.
Nina Pawlowna sah sie lange an, dann wandte sie den Blick wieder dem Foto zu.
— Du hast recht, mein Kind. Du hattest immer recht. Nur wir Dummköpfe haben nicht zugehört.
Anna blieb etwa zwei Stunden, half beim Aufräumen, ging noch einkaufen, ließ etwas Geld da, das Nina Pawlowna lange nicht annehmen wollte. Beim Gehen drehte sie sich in der Tür noch einmal um und sagte:
— Rufen Sie an, wenn etwas ist. Ich komme.
— Danke, Anjuschka. Und verzeih uns, wenn du kannst.
— Ich habe doch gesagt: Ich habe losgelassen.
Sie ging hinaus, setzte sich ins Auto und blieb lange sitzen, während sie auf das heruntergekommene fünfstöckige Haus blickte. In ihrem Kopf klangen die Worte ihres Vaters: „Das Leben besteht nicht nur aus Geld, sondern aus Ehrlichkeit.“ Und noch etwas: „Ein Mensch muss ein Mensch bleiben, mein Kind, egal was passiert.“
—Am Abend kam sie nach Hause zurück. Im Flur brannte Licht, es roch nach etwas Leckerem — Ilja hatte kochen gelernt und verwöhnte seine Schwester am Wochenende. Anna zog die Schuhe aus, hängte ihren Mantel auf und blieb stehen. Im Flur stand eine fremde Männertasche. Alt, abgenutzt, aber ordentlich.
— Ilja? — rief sie. — Wo bist du?
Ilja kam aus der Küche. Sein Gesicht war seltsam — zugleich schuldig und angespannt.
— Anja, bitte schrei nicht. Ja?
— Was ist passiert? — Anna spürte, wie sich Kälte in ihr ausbreitete.
— Da ist… also, wir haben einen Gast.
Ilja trat zur Seite, und Anna sah, wer am Küchentisch saß. Dmitri. Er hatte sich stark verändert. So abgemagert, dass die Wangenknochen hervorstanden, eingefallene Augen, graue Haut. Billige Jacke, alte Jeans, ausgelatschte Schuhe. Als er Anna sah, stand er auf, stützte sich am Tisch ab, und sie bemerkte, wie seine Hände zitterten.
— Hallo, Anja, — sagte er leise, heiser.
Anna sah ihn an und konnte es nicht glauben. Sie blickte zu Ilja, dann wieder zu Dmitri.
— Was machst du hier? — fragte sie ruhig. — Wir hatten doch eine Abmachung.
— Ich weiß, — senkte Dmitri den Kopf. — Verzeih. Ich hätte nicht kommen dürfen. Aber ich habe sonst niemanden mehr.
— Was ist passiert?
Er schwieg. Ilja seufzte und übernahm das Wort.
— Anja, er ist schwer krank. Die Ärzte sagen, etwas mit der Lunge, er hat es verschleppt, braucht Behandlung, aber hat kein Geld. Job verloren, keine Wohnung, seine Mutter kommt auch kaum über die Runden. Er ist zu mir gekommen, nicht zu dir. Ich habe ihn reingelassen, bis du zurück bist.
— Du hast ihn reingelassen? — Anna konnte es nicht fassen. — Erinnerst du dich, wer er ist und was er getan hat?
— Ich erinnere mich, — sagte Ilja fest. — An alles. Aber, Anja, er stirbt. Im wahrsten Sinne.
Anna setzte sich. Ihre Beine gaben nach.
— Seit wann weißt du das?
— Seit etwa drei Monaten. Er hat mir geschrieben, um Hilfe gebeten. Erst habe ich ihn abgewiesen, aber dann… ich habe ihn gesehen und konnte ihn nicht im Stich lassen.
— Du hast ihm die ganze Zeit geholfen?
— Ja. Ein bisschen Geld, Medikamente. Aber das reicht nicht. Er braucht ein gutes Krankenhaus.
Anna schwieg. In ihrem Kopf war Leere.
— Ich gehe, — sagte Dmitri leise. — Ich dränge mich nicht auf.
— Setz dich, — sagte Anna.
Er setzte sich.
— Erzähl, — sagte sie. — Alles.
Und er erzählte.
Am Ende sagte Anna plötzlich:
— Ich werde dir bei der Behandlung helfen.
Ilja und Dmitri sahen sie überrascht an.
— Aber du wirst nicht hier wohnen. Ich bezahle ein Zimmer, das Krankenhaus, Essen. Aber ich will dich weder sehen noch hören. Du bist mir fremd. Und wirst es immer bleiben. Verstanden?
— Verstanden. Danke, Anja.
— Nicht mir zuliebe. Sondern mir selbst zuliebe.
—
Zwei Monate später ging es Dmitri besser. Die Ärzte sagten, er werde gesund. Ilja besuchte ihn, Nina Pawlowna rief täglich an und weinte vor Dankbarkeit.
Eines Abends saßen Anna und Ilja in der Küche.
— Anja, — sagte er, — meinst du, Papa wäre stolz auf uns?
Anna lächelte.
— Ja. Wäre er.
Später rief Nina Pawlowna an:
— Anjuschka, Dimka wird morgen entlassen. Er hat Arbeit gefunden, in einer anderen Stadt. Er fährt übermorgen weg.
— Das ist gut, — sagte Anna.
— Wofür hast du das alles getan? — fragte sie leise.
Anna sah aus dem Fenster auf den Schnee.
— Für mich, — sagte sie. — Damit ich mich im Spiegel ansehen kann.
Sie legte auf, kehrte in die Küche zurück.
— Alles gut, — sagte sie. — Er fährt weg.
— Für immer?
— Für immer.
Sie tranken Tee. Draußen fiel Schnee, genau wie vor einem Jahr. Doch jetzt war es warm im Haus, ihr Bruder war bei ihr, und vor ihnen lag ein Leben, das sie selbst aufgebaut hatten.
Anna stellte ein Foto ihres Vaters auf den Tisch.
— Siehst du, Papa, — sagte sie leise. — Uns geht es gut. Wir haben es geschafft.
— Auf Papa, — sagte Ilja und hob die Tasse.
— Auf Papa.
Der Tee war heiß und süß. Und draußen fiel der Schnee, sauber und weiß.







